Vom Anfang der Erkenntnis und was sie uns einbrachte

 Die Menschwerdung fing mit dem Drang nach Erkenntnis an, gegen den Willen von Gottheiten und der Natur. Das erzählen uns bereits die alten Mythen: Von Prometheus, der den Menschen mit dem Feuer Erleuchtung brachte, bis hin zu Adam und Eva, die durch ihr erkenntnisreiches Naschen weltberühmt wurden. Auch die Evolutionstheorie weist dezent darauf hin, dass der Mensch durch die Entwicklung einer evolutionär eher untypischen Eigenschaft – dem Bewusstsein als Grundlage der Erkenntnis – zu dem wurde, was er ist. Mythen und Wissenschaft können das besonders gut – den Menschen die Welt erklären. Die einen wollen uns ihre Antworten durch lebensnahe Geschichten glauben lassen, die anderen wollen uns ihre Antworten durch Tatsachen wissen lassen. Aber auch der Wissenschaft muss man erstmal ihre grundlegende Geschichte glauben. Und für Geschichten waren wir Menschen immer schon empfänglich. Wahrscheinlich weil es die erste Art war, um sich die Welt zu erklären. Wie kam es aber dazu, dass Menschen die Welt verstehen wollten? Eine Geschichte dazu:

Adam und Eva hatten eigentlich ein gutes Leben. Sie hatten immer genug zu essen, hatten auch sonst keine Sorgen und konnten sich sowieso über nichts reflektieren. Unwissenheit kann auch entspannend sein! Hört sich fast nach einem idyllischen Leben an, harmonisch eingebettet in der Natur. Alles ist aufeinander abgestimmt. Es läuft wie am Schnürchen. Und auch wenn es nicht perfekt wäre: Halb so schlimm, denn Adam und Eva wären sich dessen sowieso nicht klar. Aber irgendwann wollten sie dann doch nicht nur dahinleben, auch wenn es ihnen an nichts fehlte, sondern aktiv in die Welt eingreifen. Und nachdem der Hinweis dahingezischt wurde, war es zu verlockend für Adam und Eva: Wir können Erkenntnis über Gut und Böse erlangen? Wir müssen nicht nur das Tun, wofür uns die Natur – Gott – gemacht hat, sondern können wissen was uns gut tut, damit wir mehr davon anstreben können? Wir können uns unsere Regeln selber überlegen, wären nicht mehr Sklaven der Natur, sondern können Kontrolle über unser Tun erlangen? Hört sich gut an! Wie passend, dass diese neue Freiheit dafür genutzt wurde, wofür die neue Eigenschaft – der Wille – besonders nützlich ist: Bedürfnisse zu befriedigen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer süßen Feige oder einem Apfel? Was für Gefühle, was für ein Leben! Hört sich alles zu gut an? Ja, denn es gibt eine Kehrseite: Um das Bedürfnis – den Hunger – zu stillen, müssen Adam und Eva sich auch dessen erst bewusst sein und den Mangel spüren. Selber Schuld, denn nun müsst ihr lebenslang leiden, entgegnet ein höhnischer Gott. Noch dazu hat das bewusste Eingreifen in die natürliche Regelung eine weitere Folge: Gier. Am Anfang erstmal Neu-Gier! Diese Ursünde wird uns seitdem von Generation zu Generation vererbt. Die Möglichkeiten des Bewusstseins müssen nun gezähmt werden. Wollen ohne gierig werden braucht erst Recht wieder Grenzen und Regeln. Also wurde Gott oder eine andere Hierarchie wieder um Verzeihung und Hilfe gebeten. Probieren wir es noch einmal!

Die Evolution erzählt uns eine ähnliche Geschichte. Sie dauert nur ein wenig länger, ein paar Millionen Jahre. Hier die Kurzfassung: Wer nicht überlebt, stirbt. So kurz wird es nun auch wieder nicht, aber im Endeffekt geht es darum. Lebewesen, die lebensförderliche Eigenschaften entwickeln (z. B. durch Genmutationen), können Nachkommen in die Welt setzten, die dadurch wiederum höhere Überlebenschancen haben. Wer sich an seine Umwelt anpassen kann, überlebt. Klingt nach einem unendlichen Optimierungsprogramm der Natur. Na dann muss das Leben ja immer besser werden! Hört sich gut an: die Kette der Nachkommen bringen die besten Eigenschaften mit, um angepasst an ihre Umwelt zu leben. Es läuft wie am Schnürchen. Und das Beste daran: Jene, die es nicht schaffen, werden immer weniger und bekommen nichts davon mit. Wenn da nicht die Entwicklung des Bewusstseins wäre. Es ist schon ein großer Zufall, dass so eine komplexe Eigenschaft aufgekommen ist. Aber wir hatten ja Zeit. Und im Endeffekt sind die meisten Menschen froh darüber ihr Leben bewusst gestalten zu können, also einen „Willen“ zu haben. Andere wiederum sprechen vom größten Irrtum der Evolution, denn nun müssen wir uns selber um unsere Anpassung an die Umwelt kümmern – und umgekehrt, denn wir können und müssen wohl nun aktiv in die Welt eingreifen. Durch die Grundlagen des Bewusstseins – Gefühle –  bekommen wir außerdem nicht nur mit, wenn die Anpassung klappt, sondern leiden, wenn sie nicht klappt. Eine unangenehme Kehrseite! Mag schon sein, dass wir theoretisch durch kurzfristiges Leiden langfristig Befriedigung erleben können. Praktisch funktioniert das aber nur zu einem bestimmten Grad, der zum Überleben reicht. Das kennen wir doch: Arbeite ein paar Jahre, dann kannst du dir etwas Gutes leisten. Die Falle dabei liegt wieder in der Gier: die Zufriedenheit währt nur kurz und kann nur durch Mehr aufrechterhalten werden. Dieses Antreiben durch andere kennen wir auch schon von Religionen, die dieses Prinzip ins Unendliche führen: Auch wenn du im irdischen Leben leidest, im Leben danach wirst du unendlich glücklich sein, wenn du nur unsere Regeln befolgst. Also sind wir erst recht wieder bei den Mythen und Glauben angelangt. Was lernen wir daraus?

Genauso wie Adam und Eva als Prototypen der Menschheit gelten, kann ihre Geschichte als Prototyp der Metapher angesehen werden. Dabei gilt es ein Thema – hier die Erkenntnis – sinnbildlich darzustellen und dadurch einen direkten Bezug zum Leben der Lesenden herzustellen. Durch einfache – zwecks Verdeutlichung oft überspitzte – Aussagen werden bei ihnen emotionale Erfahrungen hervorgerufen und dadurch Vorstellungen angeregt. Der Sinn, die Bedeutung wird für den Lesenden klar, denn es geht ja letztlich um den Lesenden selbst. Im Gegensatz zu dieser Herstellung von Subjektivität wollen wissenschaftliche Ansätze objektiv bleiben. In diesem Sinn will auch die Evolutionstheorie Evidenzen aufzeigen, die im schlechtesten Fall durch Tatsachen widerlegt werden können. Durch diese Methodik möchte sie unabhängig von der Subjektivität der einzelnen Menschen überzeugen und dadurch universell für alle Menschen gleich gültig sein. Wie bei der Evolutionstheorie stecken hinter wissenschaftlichen Theorien oft einfache Aussagen, die nicht widerlegt werden können – sogenannte Axiome. Eine radikale Vorgehensweise ist also auch bei der wissenschaftlichen Methodik nicht möglich. Das ist aber nicht überraschend, denn Glauben ist ein wichtiger Teil der menschlichen Denkweise. Wo jedoch Mythen mit dem Glauben ein Rufzeichen setzen, stellen Wissenschaften ein Fragezeichen. Wo Mythen die negativen Folgen des Erkenntnisdrangs aufzeigen möchten, wollen Wissenschaften den Nutzen des Erkenntnisdrangs aufzeigen.

 

Samer Schaat, August 2019

 

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