Kontrolle in Pandemiezeiten

Eine kleine unerwartete Veränderung in unserer Welt, so klein wie Viren sind, scheint zu reichen, um ihren eingespielten Gang ins Wanken zu bringen. Kaum müssen wir die abgetretenen Pfade verlassen, waten wir in unbekanntem Terrain und hoffen, über Umwege bloß schnell wieder von alten Pfaden geleitet zu werden, die mittlerweile als Gefahrenzonen gelten. Dieses Verhalten wird letztlich von der Funktionsweise unseres Gehirns bestimmt. Wir denken jetzt nach, um es später nicht ständig zu müssen. Das Prinzip hat sich bewährt: Die bewusste Formierung eines Weges ist zwar aufwendig, aber wenn dieser danach regelmäßig dazu dient, Bedürfnisse mit wenig Aufwand erfüllen zu können, lohnt sich die anfängliche Mühe allemal. Dabei können wir uns darauf verlassen, dass die Welt auf unser Handeln nach den in unseren Erinnerungen eingeschriebenen Regeln reagiert. Selten drängt uns die Welt aus diesen Erwartungsrahmen, der von uns bekannten Möglichkeiten befüllt wird. Erst in Notlagen müssen wir uns über jeden Schritt Gedanken machen und uns in einer plötzlich unberechenbar gewordenen Welt vorantasten. Vielmehr lässt die Welt in der Regel die Gestaltung unserer Zukunft als selbsterfüllende Prophezeiung zu. Dieser Handlungsspielraum bricht nicht nur weg, sondern verstärkt sich, wenn plötzlich auch das Verhalten anderer Menschen nicht mehr zu unseren vorprogrammierten Interaktionsschablonen passt.

Und doch ist nicht nur der Ausbruch einer Pandemie überraschend, sondern auch wie schnell Menschen sich an neue Situationen gewöhnen können, indem sie die gefährlich gewordenen Wege neu ausleuchten. Denn so einfach lassen sich Menschen ihre erleichternden Routinen nicht nehmen. Wagemutige Stimmen beklagen, dass diese festgefahrenen Wege uns in den Abgrund führen, Stichwort: Klimakrise. Sie können es sich leisten, die Gelegenheit zu nutzen, stehen zu bleiben, um den alten Weg zur Kurve vor dem Abgrund zu verbiegen. Dabei schadet es nicht, bisherige Ziele zu hinterfragen und Konflikte zwischen ihnen zu benennen. Wenn diese Vorgehensweise jedoch den Anspruch eines radikalen Neustarts in sich trägt, widerspricht das der Funktionsweise unseres Gehirns, das für Revolutionen denkbar ungeeignet ist. Erst wenn wir die – vielleicht wirklich unerträgliche – Leichtigkeit des Seins und ihre Abhängigkeit von Routinen akzeptieren, können wir uns überlegen, an welche wir anknüpfen können, um unsere neuen alten Ziele anpassen zu können. Insofern sollten gesellschaftliche Vorgaben mit der Aufteilung zwischen bewusster Steuerung und unbewusster Umsetzung kompatibel gestaltet werden. Erst dann können wir uns fragen, wie wir Leitplanken für neue Impulse setzen wollen, deren Ausbreitung das alte Wegenetz wiederverwertet.

Dabei geht es nicht darum, vergangene Fehler zu wiederholen, indem wir die alten Wege zu Autobahnen verbreiten und mit massiven Leitplanken verstärken, um uns schneller zu unseren Zielen zu jagen. Schnelligkeit und Beobachtungsgabe sind sich besonders widerlaufende Fähigkeiten. Die Ausbreitung von Impulsen muss jedoch beobachtet werden, deren Ausprägung regelmäßig hinterfragt und mit unseren Zielen abgeglichen werden. Wenn das wie im Falle des Autos 100 Jahre benötigt, kann eine Anpassung schon einmal besonders herausfordernd sein. Denn wir dürfen nicht davon ausgehen, dass sich das Große automatisch im Kleinen widerspiegelt. Gerade weil uns – wie derzeit wieder – aufgezeigt wird, dass wir die Welt im Kleinen nicht kontrollieren können, ist die Impulssetzung im Großen umso wichtiger. Insofern hält uns die Pandemie die grundlegende Konstitution eines selbstbestimmten Lebens in dieser Welt entgegen: Wir können zwar versuchen, Impulse zu setzen, aber uns bleibt nicht vielmehr als deren Wirken in der Welt zu beobachten und gegebenenfalls nachzujustieren. Was auf individueller Ebene gilt, schlägt sich umso deutlicher auf der gesellschaftlicher Ebene nieder: Kontrolle ist ein Begriff der strategischen Steuerung im Großen, nicht der taktischen Umsetzung im Kleinen. Wir haben zwar eine Landkarte aus der Vergangenheit unserer Erfahrungen, die uns mögliche Wege absteckt, verlassen dürfen wir uns auf diesen stets veralteten Zustand der Welt jedoch nicht. Gut, dass wir mittlerweile die Varianten des Terrains in dieser sich verändernden Welt kennen, damit wir Änderungsanzeichen erkennen, bspw. vom Flachen ins Gebirgige, und uns an unseren inneren Landkarten entlanghanteln können. Das können wir langfristig nicht vorhersagen, aber wir wissen, welche Ausrüstung wir in diesen Fall brauchen und was zu tun ist, um weiter zu kommen. Da kann es schon einmal passieren, dass wir einen Schritt vorwärts und zwei zurück gehen müssen. Denn wir können die Welt nicht vorhersagen. Wir müssen nur wissen, woran wir aktuell sind, und wie wir die Bedingungen herstellen können, um handlungsfähig zu bleiben statt überrumpelt zu werden, weil die Realität – z. B. mittels eines Virus – unsere Allmachtphantasien einer kontrollierbaren Welt in die Quere kommt. Mehr können wir nicht verlangen.

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