Faszination Kellergassen

Kellergasse. Dieses Wort scheint keinen einladenden Ort zu beschreiben. Kein Wunder, dass ich mich als Wiener früher nicht dafür interessiert habe. Aber Keller können auch Schätze bewahren. Man muss sich nur Zeit nehmen, sie zu entdecken. Das mache ich gerade im Weinviertel, wo sonst?

Der Kellergassen-Mikrokosmos ist eine Welt für sich. Oft am Rande der Dörfer gelegen, hat man doch den Eindruck ganz woanders zu sein. An einem versteckten Ort, in einer anderen Zeit. So präsentierten sich mir die Kellergassen, als ich anfing hinzusehen und zuzuhören. Hier im Weinviertel ist ihre charakteristische Atmosphäre ein offenes Geheimnis, man muss sich nur Zeit dafür nehmen und seine Sinne nutzen.

Hinsehen

Es sind verschlafene Orte, aber schlafen darf man hier in der Regel gar nicht. Zum Arbeiten waren sie gedacht, die Presshäuser und Weinkeller, vor unserer Zeit. Und seit sich der Rhythmus der Welt beschleunigt, haben nur noch wenige Zeit für sie. Bis in die 90er wurde hier noch gearbeitet. Zur Weinlese war es trubelig, lebendige Kellergassen waren es damals, auch wenn in die Grean gegangen wurde/wird und zum Hiatafest, an dem den Hütern der Weingärten gedankt wurde. Immer mehr Weinbauern verließen in den letzten Jahrzehnten jedoch ihre Arbeitsdörfer und bevorzugten moderne, geräumige Produktionsstätten. Viele der „Dörfer ohne Schornsteine“ verfallen seitdem zusehend. Für die Besitzer sind sie oft eine Last, wenn sie zusätzlich zum Eigenheim gepflegt werden müssen, und für Städter sind sie oft zu weit weg, und ohne Garten, Infrastruktur und Übernachtungserlaubnis wenig brauchbar. So bleiben die Presshäuser oft ungenutzt. Aber das hielten sie bisher aus – die Frage ist wie lange noch. Denn es sind lebende Objekte, die genutzt und versorgt werden müssen, um sie wiederzubeleben.

Zuhören

Eigentlich kann ich es nicht ganz glauben, dass die Presshäuser wenig genutzt werden. Irgendwas muss ich doch übersehen! Also gilt es genauer hinzusehen und vor allem zuzuhören, den Menschen, die hier leben. Wenn ich sie nur sehen würde. Kaum hör ich es draußen rascheln oder beim Vorbeifahren jemanden vorbeihuschen, eile ich hin. Schade finden es alle, was aus den Kellergassen wird, aber was kann man schon tun? Umso mehr freuen sich die Menschen, dass jemand mit Tatendrang zu ihnen kommt.

Vereinzelt gibt es sie noch, die Nutzung zur Wein-Produktion und -Lagerung in großen Presshäusern. Auch sonst bieten sich die Häuschen, weniger die Kellerröhren, als Abstellkammern an. Raus aus dem Ort, aus den Augen, aus den Sinn. Aber es gibt einige Liebhaber, die den Wert der Kellergassen schätzen und pflegen. Diese sind dann schon mal auf einer Rettungs-Mission. Aber es sind einfach zu viele Presshäuser und Weinkeller. 1000 Kellergassen im Weinviertel! LEADER-Projekte, Initiativen des Kellergassenmanagements und Weinviertel Tourismus haben bereits einiges in Gang gebracht, dabei stehen wir noch am Anfang eines möglichen Nutzungs-Wandels der Kellergassen.

Handeln

Die Kellergassen waren immer schon gemeinschaftliche Orte. Anfangs teilten sich die Weinbauern noch die Keller, und auch später waren sie gesellige Orte, wo die Leut zamkommen. Die Eigentumsverhältnisse haben sich geändert und bei der Menge an Weinkellern ist es eine gemeinschaftliche Aufgabe, die jede/r einzelne Eigentümer angehen kann. Die Idee von Radlerrasten steht beispielhaft dafür: Einzelne Besitzer öffnen ihre Keller für eine solidarische und verantwortungsvolle Nutzung in Selbstbedienungs-Modellen. Das erinnert mich ein wenig an meinen Versuch vor zehn Jahren in Wien ein Pay-as-you-can Cafe zu führen. Damals überforderte das die Wiener, aber vielleicht greift der gemeinschaftliche Gedanke in NÖ heute eher, gerade mit konkreten Preis-Vorschlägen.

Die Radlerrasten haben als Pioniere der touristischen Kellernutzung den Weg geöffnet, um den nächsten Schritt zu gehen und weiteres Leben in die Kellergassen zu bringen: Mehrere Radlerrasten in einer Kellergasse würden aber nicht funktionieren, mehrere Orte zur Freizeitnutzung vielleicht eher. Raststationen für Radler und Wanderer, Räume zum Feiern aber auch zum Zurückziehen, für die Hobbynutzung und nach Möglichkeit zum Übernachten – das passt gut zusammen. Im Endeffekt wissen die Leut am besten, wie sie Freiräume nutzen können. Man muss es ihnen nur ermöglichen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.