Der Mann ohne Eigenschaften

Robert Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ hat so einige Parallelen mit der Thematik die Welt zu erfassen. Solange wir unserem Leben, und eben auch der Welt, keine Eigenschaften zuweisen und sie dadurch zu fassen versuchen, bleibt alles offen und möglich. Wirklich tun können wir damit jedoch nichts! Erst durch das einschränkende Zuweisen von Eigenschaften an einer Sache können wir in Bezug zu ihr treten. Wir nehmen einfach an, dass die Sache diese Eigenschaften hat, und überprüfen es im Handeln damit. Um mit Musil zu sprechen, braucht es neben einen Möglichkeitssinn auch einen Wirklichkeitssinn. Denn „Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt…“ (S17, 1960) und „Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben“ (S.16). Jene Eigenschaften der Wirklichkeit zu erfassen, als Basis für nützliche Möglichkeiten hilft wohl generell fürs Handeln in der Welt, wie für die Lebensplanung und Sinnfrage des Protagonisten in Musils Werk. Überzeugungen über Eigenschaften der Welt braucht man deswegen aber nicht gleich fixieren (S.135). Es geht also um ein dynamisches Verhältnis zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn.

Aber genug der Parallelen. Genauso interessant ist zu lesen, in welcher Form Literatur  die Welt zu erfassen vermag. Gleich die erste Seite zeigt einen Vergleich dazu: Das Wetter wird in metereologischer Manier mit etwa 8 Sätzen umständlich beschrieben, mit dem Fazit: „Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913“ (S.9). Na es geht doch! Beim Erfassen der Stadt durch literarische Beschreibungen wird es schon holpriger: „Wie alle großen Städte bestand sie aus Unregelmäßigkeiten, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstößen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahnten, aus einem großen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäß ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht“(S.10.). Anders gesagt: Das literarischen Erfassen kommt oft etwas hilflos rüber, bleibt dabei aber ehrlich.

Wie ist das dann erst beim Beschreiben von Konzepten wie der Seele? Hier kommt eines der mächtigsten Werkzeuge der Literatur zum Zug: Die Metapher, die praktisch herunterbricht: Die Seele als großes Loch, das zu füllen ist. Bestes Material dafür? Nach Musil „Ideale und Moral“! (S.185)

Jeder Methode ihre Domäne! So wie Konzepte wie die Seele wahrscheinlich besser literarisch beschrieben werden, gilt umgekehrt: „Es ist leider in der schönen Literatur nichts so schwer wiederzugeben wie ein denkender Mensch“ (S.111).

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