Im Fremdsein die Welt begreifen

erschienen in „Fluch’t’raum, Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft“, April 2018

Fremdsein ist unheimlich. Aber genauso, wie das Unheimliche ein verdrängter Teil von uns ist, zeigt sich das Fremdsein als ein grundlegender Seinszustand, der uns entweder dazu antreibt, die Welt begreifen oder sich von ihr abwenden zu wollen. Wie kann dieser Zustand besser entgegnet werden, als durch das Schaffen von Bezügen: Zwischen unserem Selbst- und unserem Weltbild. Dafür ist nichts weniger nötig als das Begreifen der Welt.

Seit der Entwicklung des Bewusstseins ist die Notwendigkeit des Begreifens der Welt wohl die größte Herausforderung des Menschen. Dabei ist es nicht von Nachteil, dass sich uns die Welt schrittweise eröffnet. Wir erzeugen uns unsere Welt bekanntlich selbst. Beginnend mit der Mutter ist unsere Welt – als eine Erweiterung von uns selbst – das, was uns nicht fremd ist. Weitere Bereiche der Welt eröffnen sich uns angepasst an der Entwicklung unserer Fähigkeiten, sie zu begreifen. Die dabei angeeigneten Methoden, mit der wir von früh an unseren Platz in der Welt erkunden, bilden die Basis dafür, auch später mit der Welt in Bezug zu treten. Durch spielerische Erkundungen entdecken wir, welche Handlungen in der Welt uns gut tun oder nicht. Dieses Ausloten der Welt durch Nähe und Distanz ist wohl der grundlegendste Referenzrahmen, um mit der Welt in Bezug zu  treten, und vielleicht bilden jene Erfahrungen unseren Maßstab, an dem wir das Fremdsein abgleichen.

Genauso wie unsere Möglichkeiten, Weltbezüge herzustellen auf kindliche Fähigkeiten basieren, sind unsere Sinneswahrnehmungen die Basis für unsere kulturelle Erfassung der Welt. Dementsprechend schaffen wir uns die eindringlichsten Weltbezüge durch direktes, sinnliches, Erleben. Als kulturelle Wesen haben wir jedoch unsere natürlichen Mitteln erweitert und mannigfaltige Medien der Weltvermittlung erschaffen. Wir verwenden Mythologien, Literatur, Wissenschaft, Filme, Musik und vieles mehr, um den Mangel an notwendigen Erleben in der Welt zur Beheimatung darin zu kompensieren. Denn es reicht nicht, zu erfahren, wie wir in der Welt tätig sein können, wie wir mit unterschiedlichen Menschen umgehen können, wie sich unsere Eigenschaften in der Welt ausprägen und umgekehrt. Wir wollen Erklärungen wissen, um diese Weltbezüge zu vertiefen.

Um sich Erklärungen über Weltphänomene zu verschaffen und daraus Handlungsschemen für die  Wirklichkeit zu konstruieren, werden oft – entsprechend der Unterscheidung von den scheinbaren Gegensätzen Emotion und Vernunft – zwei Ansätze beschrieben: Mythos und Logik. Aus dem zweiten Ansatz hat sich die wissenschaftliche Methodik entwickelt, die es uns ermöglicht, Fragestellungen unter Verwendung mehr oder weniger messbarer Kriterien zu diskutieren und mögliche Antworten dieser Fragen objektiv zu testen. Die resultierenden Erklärungssysteme zeigen schlüssig und nachvollziehbar die Kausalkette der Ursachen eines Phänomens bis zu ihren Auswirkungen auf. Dadurch wird versucht, die Erkenntnis-Wüste vom Kantschen „Ding an Sich“ zum Phänomen zu schließen. Realistischer Weise ist dieses theoretische Vorgehen in der Praxis selten eindeutig, und wirft in der Regel weitere Fragen auf. Das ist das Wesen der Wissenschaft. Trotzdem hat sich der wissenschaftliche Erklärungsansatz dort durchgesetzt, wo er in der Lage war, überzeugende Antworten zu bieten. Gesellschaftliche Akzeptanz kam somit erst mit dem Erkennen des Nutzens von Wissenschaft und deren Nachvollziehbarkeit. Es lässt sich jedoch nicht ignorieren, dass Wissenschaft auf Glauben (zB. an ein Paradigma) aufbaut. So wie beim Verhältnis von Natur und Kultur, Unbewussten und Bewussten, Emotion und Vernunft, Erwachsener und Kind, ist es auch bei Glauben und Wissen: was scheinbar als Gegensatzpaar gilt, steht tatsächlich in einem dialektischen Abhängigkeitsverhältnis. Und dort, wo Fragen auf der subjektiven Ebene gestellt werden, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach dem qualitativem und sinnlichen Erleben der Welt, dienen andere Mitteln der Welterfassung zur Erklärung, allen voran das wohl wichtigste Mittel der Mythologie: die Metapher.

Lyrik und Prosa als Formenträger von Metaphern eröffnet uns Möglichkeiten, Bezüge zwischen unbekannten  und bekannten Aspekten der Welt herzustellen. Das gilt auch für die Welterfassung selbst. Robert Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist ein gutes Beispiel dafür. Denn solange wir unserem Leben, und eben auch der Welt, keine Eigenschaften zuweisen und sie dadurch zu fassen versuchen, bleibt alles offen und möglich. Wirklich tun können wir damit jedoch nichts. Erst durch das einschränkende Zuweisen von Eigenschaften an einer Sache können wir in Bezug zu ihr treten. Wir nehmen an, dass die Sache bestimmte Eigenschaften hat, und überprüfen es im Handeln damit. Um mit Musil zu sprechen, braucht es neben einem Möglichkeitssinn auch einen Wirklichkeitssinn. Denn „Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt…“ und „Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben“. Jene Eigenschaften, die Wirklichkeit, als Basis für nützliche Möglichkeiten zu begreifen, hilft wohl generell fürs Handeln in der Welt, wie für die Lebensplanung und Sinnfrage des Protagonisten in Musils Werk. Überzeugungen über Eigenschaften der Welt braucht man deswegen aber nicht gleich fixieren. Vielmehr geht es um ein dynamisches Verhältnis zwischen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn.

Wie auch immer unser Weltbild durch unterschiedliche Herangehensweisen konstruiert wurde, es soll unseren Bezug zur Welt stärken und die Distanz zur Welt verringern. Aber wozu? Wie kann die Qualität unseres Weltbezugs eingeschätzt werden? Haben wir überhaupt die Möglichkeit, eine Mentalität zu entwickeln, den aufgebauten Weltbezug auf uns wirken zu lassen und diese Auswirkungen auf uns zu reflektieren? Nach dem Soziologen Hartmut Rosa erschwert das Beschleunigungsgebot unseres Zeitgeists die Erfüllung dieses Bedarfs. Anscheinend ist es schwer, sich seinem Sog zu entziehen, denn es verhilft uns zur Vergrößerung unserer „Weltreichweite“ – das scheint die Maxime zu sein. Die Welt wird dadurch theoretisch zugänglicher, praktisch jedoch verschließt sie sich für uns auch dadurch. Beschleunigung führt dazu, die Welt sequentiell zu begreifen: vom einen zum nächsten zu gehen. Das sind schlechte Bedingungen fürs Erfahren, Erleben, Erspüren, und schlechte Bedingungen, im Moment zu stehen. Das Leben für sich selbst zu verdichten, wie Roger Willemsen das in seinen Buch „Momentum“ zeigt, wäre der Gegenentwurf dazu und schafft die Bedingungen, um in Resonanz mit der Welt zu treten, wie Rosa es nennt. Etwas in der Welt affiziert uns, wir antworten selbstwirksam darauf und verwandeln uns dabei. Vielleicht kann das als Spiegeln in der Welt bezeichnet werden: Sich seiner Eigenschaften und Werte bewusst zu sein, fühlen und erleben wie diese im Verhältnis zu Eigenschaften der Welt stehen und dadurch mit ihr zu interagieren. Weltbegreifen dient in diesem Sinne der Weltbeheimatung. Das Gegenstück ist der Zustand des Fremdseins und Orientierungslosigkeit in der Welt.

Wenn unsere Heimat wegbricht, ob das eine physische Umgebung, eine erfüllende Arbeitstätigkeit oder Menschen als Erweiterung unserer Selbst sind, werden wir plötzlich wieder ins Fremdsein geworfen. Wir tragen unsere alte Welt noch in uns und können mit der fremden neuen Welt noch nicht umgehen. Erst wenn das Selbstverständliche wegbricht, sehen wir, wie schwer es ist, erneut Verständnis zu erlangen, ohne, wie beginnend mit dem Kindesalter, schrittweise darin eingeführt zu werden. Alzheimer als Krankheit verdichtet diese Problematik.  Betroffene werden als Herrscher ihrer alten Welt zu Unbeholfenen einer neuen Welt degradiert. Arno Geiger beschreibt seinen an Alzheimer erkrankten Vater dementsprechend als „Der alte König in seinem Exil“, der sich in seiner Welt und in sich selbst fremd fühlt und ständig zurück in das unerreichbare Zuhause, in dem er sich objektiv befindet, möchte. Fremd ist er jedoch nicht, weil er seine objektive Welt verliert, sondern – und nur das zählt – da sein gewohnter subjektiver Bezug zu seiner Umgebung, seinem Haus, seiner Familie bröckelt. Das Verständnis bricht weg: Was geschieht mit mir? Warum passiert es? Wie kann ich damit umgehen? Das Trümmerfeld der Stützen seines Weltverständnisses, vor dem er steht, wirft ihn in eine tiefe Heimatlosigkeit. Aber nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch wie mit ihr umgegangen werden kann, ist ein Paradebeispiel für unseren Umgang mit unserem Weltbezug. Denn Arno Geiger beschreibt auch, wie die Akzeptanz der Alzheimer-Krankheit durch seinen Vater diesen zu einer neuen Gelassenheit im Umgang mit der Welt gebracht hat. Sobald wir uns im Klaren sind, dass die Beheimatung der Welt ein unerreichbarer Dauerzustand ist, der uns jedoch den Weg zu einem momentanen Einklang mit der Welt weisen kann, lässt es sich leichter mit dem schalen Beigeschmack der Fremde leben. Denn Fremdsein ist kein Zustand, der überwunden werden möchte, genauso wie das Begreifen der Welt kein Prozess ist, der jemals abgeschlossen werden kann. Erst dadurch bleiben wir als Menschen lebendig. Erst dadurch wird unser Charakter geformt. Und dieser bleibt, auch wenn die Erinnerungen an unsere vertraute Welt langsam abklingen. „Er hat seine Erinnerungen in Charakter umgemünzt, und der Charakter war ihm geblieben“, schreibt Arno Geiger dementsprechend über seinen Vater.

Samer Schaat, April 2018

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