Was Wahrnehmung mit Landschaft macht: das Oderbruch

Die Worte kommen mit der Landschaft. Ich stehe an der Kante des Barnimer Hochplateaus, das sechzig Kilometer östlich von Berlin zum Oderbruch abfällt. Sie bricht und vereint zwei Flächen, wie das nur Kanten tun. Den Namen bekam das Oder-bruch jedoch von Broich, ein wahrscheinlich vorgermanisches Wort für Feuchtgebiete. Aber sumpfig ist es hier schon lange nicht mehr. Seitdem das Land in Kultur gebracht wurde – wie es heißt – ist es entsprechend unseren Zielen  weitergestaltet worden. Heute wird das Oderbruch als überformte Kleinlandschaft bezeichnet. Heißt das, ihre Gestaltung ist übers Ziel hinaus geschossen?

Mit der Landschaft kommen die Worte und verraten so auch,  was wir von ihr wollen, wenn wir sie wahr-nehmen. Immer schon war es eine Wahrheit die genommen werden möchte, um eine unsere Bedürfnisse erfüllende Wirklichkeit zu gestalten. Denn unser Blick auf die Welt ist davon geprägt, was wir ihr abverlangen. Und manchmal ist unsere Wahrnehmung der erste Schritt zur Veränderung der Welt. Ist das dann eine vorhersagende Wahrnehmung oder vielmehr eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Ich selbst kam anfänglich wegen der Wahrnehmung der Weite in das Oderbruch. Mittlerweile habe ich sie als Seelenlandschaft verinnerlicht. Vielleicht weiß ich erst durch das Erleben dieser Wannenebene, was dieser Begriff zu bedeuten vorgibt und doch nicht einhalten kann. Diese Weite ist verlockend, aus unterschiedlichen Gründen und für unterschiedliche Ziele. Sie gaukelt Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit vor und weckt in den Horizont projizierte Hoffnungen. Das hat sie schon bei so einigen Menschen getan: Bei Friedrich II. und seiner Entourage, bei Kolonisten, bei Generale und vor ihren Kriegen Fliehenden. Nur die Bewohner des Oderbruchs, die blieben stets am Boden der Wirklichkeit.

Sehen wir uns an, welche Worte diese Menschen hatten und welche Ziele und Hoffnungen dahinter steckten. Verraten sie uns, ob der Umgang mit dem Oderbruch unser Verhältnis zur Welt spiegelt – von der Sesshaftwerdung bis zur Aussöhnung mit der Erde? Vielleicht zeigt sich durch diese Betrachtung sogar die Zukunftsfähigkeit unserer Symbiose mit der Erde.

Der Herrschaft weites Land

Der Blick vom Krugberg auf das bald trockengelegte Oderbruch soll den preußischen König Friedrich II. zur einzig möglichen Schlussfolgerung eines Herrschers gebracht haben: „Hier habe ich eine Provinz im Frieden erobert.“ Das wilde Sumpfland ist kultiviert worden und die neu entstandene Provinz und dessen Einwohner wurden kontrollierbar. Mit der Ausbreitung der Weite macht sich der Fortschritt ans Werk. Erst die Vorhersagbarkeit des Landes ermöglichte die Fortführung der herrschaftlichen Zukunftsplanung: Die ertragreiche Kartoffel, später die lukrative Zuckerrübe und Viehwirtschaft soll durch neue Untertanen zu Hauptnahrungsmitteln des wachsenden Preußens werden. Durch diese Umformung des Sumpflandes ist das Zeitalter der menschlichen Herrschaft über den Planeten Erde – das Anthropozän – endgültig im Oderbruch angekommen. Vielleicht passierte hier im Kleinen das, wofür dieser Begriff im Großen steht. Denn bis zur Trockenlegung war die Lebensform der Einwohner größtenteils an ihre Umgebung angepasst. Abhängig vom Rhythmus des Wassers fanden sie im Fischen oder der Heumahd ihr Auskommen, ab und zu war noch Platz für ein wenig Viehwirtschaft. Das war anstrengend und verlangte den Einwohnern enorme Flexibilität ab, aber sie kannten es nicht anders. Nicht sie, sondern die Natur bestimmte ihr Leben. Und so vermissen wir heute durch die fehlende Festschreibung auch ihre Worte in der Landschaft. Alleine ihre Siedlungsstrukturen bleiben als Rundlingsdörfer im Oderbruch lesbar.

Herrscher und Ingenieure haben diese Kulturlandschaft geprägt. Sie sahen nicht mehr nur was ist, sondern was sein könnte, um die zukünftige Gegenwart bestimmen zu können. Aus heutiger Sicht scheint ihr Gestaltungswillen größer als ihre Möglichkeiten gewesen zu sein. Die industrielle Revolution steckte noch in ihren Anfängen und Preußen war, auch durch seine Kriege, ausgedünnt. Aber der Wille eines Herrschers galt damals als gesetz-t und das Leben eines Einzelnen als nicht viel. Herrschaft ermöglicht weitere Herrschaft und so rangen Heerscharen von Arbeitern ihren Körpern und der Erde ein neues Oderflussbett ab. Auch ihre Mühen bleiben ohne Worte. Denn von der Anhöhe befiehlt es sich einfach, einen Fluss dreißig Kilometer nach Osten zu verlegen, Kanäle anzulegen und Deiche zu errichten. Auch die Zahlen hinter den Worten sind noch gut handhabbar, wie Leonard Euler im kaiserlichen Auftrag zur Prüfung des Haarlem’schen Ingenieurplans zeigen konnte. Nur die Taten hinter den Worten, unten am Boden, die waren langwierig. Noch Jahrzehnte nach den – mit sechs Jahren sehr kurzen – Hauptarbeiten waren die neuen Bewohner des Oderbruchs mit regelmäßigen Überschwemmungen konfrontiert. Bis heute bleibt die Trockenhaltung des ca. 800 km² großen Bruchs eine fortwährende Aufgabe: Deiche, Wehre und Schöpfwerke müssen erhalten und ausgebaut werden. Um das einmal befestigte Land halten zu können, muss das bewegte Wasser erneut gezähmt werden. Das Leben in dieser Landschaft wurde jedoch vorhersagbarer, so wie es ihre Gestaltung vorbestimmte, und die Bewohner blieben ihrem liberalen Herrscher dankbar.

Raum für Schlachten

Die Schlacht um Berlin 1945 wurde bereits im Oderbruch entschieden. Wieder bestimmte die Überschaubarkeit  den Umgang mit dieser Landschaft. Der sowjetische General Georgi Schukov kommandierte von der Randhöhenstellung am hohen Reitweiner Sporn eine der letzten großen Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Der herrschaftliche Blick von hier verleitete ihn dazu, den weiten Raum zur Konzentration seiner Truppen zu nutzen. Eine Millionen sowjetische und ein paar tausend polnische Soldaten standen einhunderttausend deutschen Soldaten gegenüber. Aber wieder wurde die Rechnung ohne das Broich gemacht. Der durchgeweichte Boden und die Felder umrandenden Kanäle waren Fakten am Boden, die von jenen Oben als Details übersehen werden können, jene Unten jedoch direkt konfrontieren. Fast drei Monate kämpften sich die Soldaten durch Land und Feind. Für die Eroberung Berlins brauchten sie nur wenige Tage.

Nach dem Verlust der entscheidenden Schlacht bei Seelow am Rande des Oderbruchs soll Adolf Hitler nur noch lapidar angemerkt haben „Dann haben die Truppen halt versagt.“ Die Menschen im Oderbruch konnten jedoch nicht so einfach über die Umgestaltung ihrer Lebensumgebung zur „Gefechtszone“ hinweggehen. Eine Zeitzeugin erinnert sich „Wir haben nischt zu essen gehabt, und mussten uns langsam wieder hocharbeiten“ und – das kann ergänzt werden – doch Unten bleiben. Denn damit das Oderbruch wieder für seinen eigentlichen Ernährungszweck verwendet werden konnte, mussten die Menschen Unten das Land neu formen. Ein Großteil der Orte war zerstört und die Schlacht-Felder waren von Minen und anderem Kriegsmaterial durchzogen. Zwei Jahre hatten die alten und aus dem Osten neu hinzukommenden Bewohner Zeit, um ihre Lebensgrundlage wiederherzustellen, bevor 1947 der Stau von Odereisschollen eine der drastischsten Überschwemmungen des Oderbruchs verursachte.  Der Kampf gegen das Wasser ging weiter.

Eine transformierende Landschaft

Die Geschichte des Oderbruchs ist eine Geschichte der Optimierung. Das verband schon Friedrich II. mit dem Begriff des Fortschritts und ähnlich sahen das auch die Funktionäre der DDR. Die größten LPGen waren im Oderbruch, erzählt mir ein Reitweiner Bewohner stolz, um die heutige Verschwendung des guten Bodens für Solaranlagen und Mais für Biogasanlagen zu beklagen. So sieht die fortgesetzte Transformation des Oderbruchs heute aus, das nun mit Windkrafträdern statt mit Getreidespeicher flankiert wird.

Aber damit das Gesamte gleich bleiben kann, muss sich Einiges ändern, heißt es. Nur so kann die Maschine am Laufen gehalten werden. Denn wenn das Bruch als räumlich zusammenhängende technisierte Anlage zur Wasserregulierung betrachtet wird, ist es vielleicht nur folgerichtig  von  einer Landschaftsmaschine zu sprechen.  Nichts anderes ist das Oderbruch, lese ich im Oderbruchmuseum, das den regionalen Veränderungproszess begleiten möchte. Als ländliche Werkstatt gestalten die Bewohnerinnen und Besucher darin die Zukunftsgeschichte des Bruchs mit. Denn eines zeigt die Geschichte des Oderbruchs deutlich: Zukunft lässt sich nur in dem Ausmaß vorhersagen, wie sie gestaltet werden kann. Was für viele anderswo selbstverständlich ist, machen sich die Menschen hier fortwährend bewusst: Unsere Umwelt kann nicht beherrscht werden, sondern muss als Lebensumgebung achtsam und wachsam gepflegt werden. Möglicherweise ergänzt die Besucherbetreuerin im Museum deswegen, was Friedrich II. am Krugberg unterschlagen hat: „Hier habe ich eine Provinz im Frieden erobert, an der ihr jeden Tag arbeiten müsst„.

Vielleicht lässt sich der Satz sogar in die Zukunft tragen, indem statt „an“ „mit“ der Landschaft gearbeitet wird. Dementsprechend würden Menschen keine Landschaftsmaschine bedienen, sondern wären vielmehr Teil von ihr. Dann ginge es nicht mehr darum, der Natur die Bedingungen unserer Kultur abzuringen. Und so wie das Oderbruch im Kleinen für das unterwerfende Anthropozän gestanden ist, würde es in Zukunft für das kooperative Novozän entsprechend der Gaia-Theorie stehen. Sie besagt, dass der Planet Erde und seine Lebewesen nur als wechselseitig beeinflussendes Ganzes betrachtet werden können. Denn so wie erst das Aufkommen von Leben die Temperatur der Erde für weiteres Leben steuern konnte, sollte diese Selbstverstärkung fortgeführt werden, anstatt durch unsere Be-nutzung der Erde in ihr Gegenteil geführt zu werden. Wieder spiegelt sich hier das Große im Kleinen, denn auch das kontinentale, niederschlagsärmere Klima im Oderbruch ist Resultat seiner Trockenlegung und unterscheidet sich vom umgebenden Übergangsklima.

Das Bewusstsein zur fortwährenden Gestaltung der Erde steckt in der Oderbruch-DNA und resultiert in eine Landschaft, die sprichwörtlich stets im Fluß ist. Denn was einmal das Wasser in Bewegung gebracht hat, muss im Kreislauf gehalten werden. Und das Oderbruch zeigt uns: Nur indem nachhaltig kanalisiert wird und die richtigen Leitplanken ähnlich der Deiche gesetzt werden, wird das Land uns auch in Zukunft tragen können. Wo also, wenn nicht hier, und wann, wenn nicht jetzt?

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